INSTALLATION
Kunstuniversität Linz
2020
ecce homo

ECCE HOMO

Exhibition by Elisabeth Cory Holzinger

Seit unserem Anbeginn war der Wald unser zu Hause, unser Schutz, unsere Versorgung und der Zugang zu tiefen Mysterien. Bäume sind unsere lebendigen Ahnen, durch ihr soziales Leben unsere Vorbilder für die Zukunft, und unsere vergessenen Götter aus vergangenen Zeiten. Menschen und Bäume gleichen einander, als Vertreter der wenigen aufrichten Spezies. Im tiefsten Inneren streben wir genauso nach oben, nach der Sonne, wie Bäume. Ein ehrfürchtig stimmender Unterschied liegt jedoch in der Lebensspanne, mit einem natürlichen Lebensalter von 800 bis 1400 Jahren bei Eichen und dem zurzeit ältesten bekannten Baum der Welt, der Old Tjikko, einer 9550 Jahre alten Fichte in Schweden nicht verwunderlich. Ein natürlicher Wald ist ein sozialer Organismus. Die Bäume „kümmern“ sich gegenseitig um ihre Artgenossen und teilen, in guten wie in Trockenzeiten, Nahrung über die Wurzeln in Form von Zuckerwasser mit jungen oder kranken Bäumen.

"Homo arbor inversa."
"Der Mensch ist ein umgekehrter Baum.
"


- Aristoteles

 

 

Der Baum hat sein Gehirn in der Erde, sein Rückgrat im Stamm, seine Gliedmaßen in den Zweigen und seine Fortpflanzungsorgane in den Blüten und Früchten. So hat schon Aristoteles gesagt: „Homo Arbor inversa.“¹ „Der Menschen ist ein umgekehrter Baum“. Die Bäume leben uns im Stillen vor, wie man das Leben für alle auf der Erde bereichert. Sie produzieren Atemluft, reinigen die Luft von CO2, welches sie in ihr Holz umwandeln, von dem Menschen auf unzählige Arten profitieren. Sie stellen Nahrung und Unterschlupf für Milliarden von großen und kleinsten Lebewesen zur Verfügung. Von ihrem ersten, bis lange nach ihrem letzten Atemzug, dienen sie mit ihrem Sein der Entwicklung aller Lebewesen und wahren das Gleichgewicht unserer dünnen Atmosphäre.


Die Installation, ECCE HOMO - "Siehe, der Mensch", besteht aus einem begehbaren Rondo aus Vliesvorhängen und einer Wand in die eine Kristallkugel eingelassen ist. Der Blick durch die Kugel ins verborgene Rondo zeigt einen Baum, der sich auf der anderen Seite der Trennwand befindet. Durch die Krümmung der Kugel wird das optische Bild des Baumes jedoch, wie auch im echten Auge, umgekehrt gezeigt. „Homo Arbor inversa“ - „der Mensch ist ein Umgekehrter Baum“ steht unter der Kugel geschrieben. Man kann hinter die Trennwand in den durch durchscheinende Vliesvorhänge abgetrennten Raum eintreten, um wie im innersten Selbst zu sein. Blickt man durch die Kugel aus dem Raum hinaus kann man die Worte „Gnothi seauton“ (altgriechisch für: „Erkenne dich Selbst“/“Erkenne, was Du bist.“) lesen. Die Umgebung reagiert durch das leichte Material des Vlieses auf Bewegungen, es scheint als würde der Raum atmen. Das erzeugt eine Intime geschützte Atmosphäre die zum reflektierenden Sein mit sich selbst einlädt.


¹ Mikrokosmos - Parvus mundus.(1579), Embleme, graviert von Gèrard de Jode, mit begleitenden Versen von Laurentius Haechtanus [Haecht Goidtsenhoven, Laurens van], Antwerpen: de Jode, 74 Embleme - Mit handschriftl. übers. ins Franz., 35. Homo arbor inversa